Ich verstehe die Medien(konzerne) nicht.

Ich habe einen Fehler gemacht. 1994 habe ich in einer neu eröffneten Filiale eines Elektrohändlers, ich glaube, es war „Saturn“, einen Ball gestohlen. Die Bälle, etwa so groß wie die Faust eines Neunjährigen, wurden damals mit einer Kartonage – verbunden mit einem 36er Farbfilm von Kodak – verkauft. Einer der Bälle hatte sich wohl aus seiner Vorrichtung befreit, jedenfalls lag er in dem Metallkörbchen herrenlos zusammen mit den anderen Ball-Film-Paaren. Ich griff danach, schaute kurz, ob meine Mutter mich beobachtete, und steckte ihn dann in meine Jackentasche. Ich wusste, was ich tat – ich war ein Verbrecher. Im Auto befühlte ich den Ball, knetete daran herum und ein paar Wochen später fragte meine Mutter, woher ich diesen grün-weiß-gestreiften Ball hätte. Was ich antwortete, weiß ich nicht mehr, aber es war die Wahrheit. Grotesk, nicht? Eigentlich nicht – ich war damals neun Jahre alt und sah etwas, das ich wollte. Und dann steckte ich das Objekt meiner Begierde ein.

Was hat diese Geschichte nun mit den Medienkonzernen im Jahr 2016 zu tun?

Es geht um die Frage, ob man sich nehmen darf, was einem gefällt. Die Antwort ist: Man darf es nicht. Das mag jetzt wenig überraschend sein für die meisten Erwachsenen. Tut mir leid, dass der Klimax der Geschichte nicht ausgefallener ist. Worum es mir heute, als 30-jähriges Rädchen im Getriebe, wirklich geht, ist die Frage, warum so viele Medienkonzerne zulassen, dass sich die Leser einfach nehmen, was sie wollen.

Es gibt also dieses ominöse Internet. Wir alle mögen es und schätzen es. Und es geht unter, jedenfalls der journalistische Teil davon. Das liegt daran, dass die Leser das, was wir so publizieren, an jeder Ecke des Internets auch kostenlos bekommen. Deswegen etablieren sich Paywalls auch nicht, oder Blendle, dessen ernüchternde Bilanz gestern veröffentlicht wurde. Aber die Lösung ist doch ganz simpel: Die Musikindustrie hat es vorgemacht und in den letzten Jahrhunderten jede andere Branche der Menschheitsgeschichte. Man darf seine Produkte einfach nicht verschenken. Das ist eine so banale Weisheit, dass ich mir grenzdebil vorkomme, darauf hinweisen zu müssen. Jetzt aber: Wovon rede ich hier eigentlich?

Es ist eine einfache Frage, die mir kein Mensch beantworten kann: Wieso werden journalistische Inhalte immer noch kostenlos angeboten? Viele Zeitungen glauben, einen Zwischenweg gefunden zu haben, etwa ‚Die Zeit‘, die die meisten Artikel kostenlos im Internet anbietet und die Druckausgabe mit ihrem riesigen Online-Angebot nur zu bewerben scheint. Das ist auch das Geschäftsmodell vieler anderer Zeitungen – selbst der ‚Bild‘. Jetzt kommt die Frage: Warum, um alles in der Welt, wird nicht jede relevante Nachrichtenseite Deutschlands (und der Welt) mit einer Paywall versehen? Warum nicht eine Interessensgemeinschaft bilden, die vereinbart, dass jedes journalistische Produkt nicht kostenfrei zu haben sein darf? Immerhin hätten die Verlage keinerlei Grund, von dieser Vereinbarung abzuweichen. Es brächte ihnen ja nichts!

Ich möchte, dass von der ‚Welt‘ mit ihrem Metered Model bis hin zur ‚Bild‘, ‚Süddeutschen‘ und zu ’netzpolitik.org‘ keinerlei Inhalte mehr freigegeben werden, ohne dass der Leser dafür zahlen muss. So können Leser auch nicht mehr an jeder anderen Ecke das lesen, was hier noch Geld kostet, jedenfalls nicht, was die etablierten Medien betrifft. Ich verstehe nicht im geringsten, warum das nicht schon zu dem Zeitpunkt geschah, als ich den grün-weiß gestreiften Ball gestohlen hatte. Denn damals fing es an mit diesem Internet. Der ‚Spiegel‘ hatte sogar schon 1994 damit angefangen, als ich noch niemanden kannte, der einen Computer hatte, und auch das Wort noch nie gehört hatte (glaube ich zumindest).

20 Jahre später verrecken der Journalismus und Redaktionen und die Moral der Mitarbeiter elendig – weil noch immer niemand ausgetüftelt hat, wie in diesem Neuland mit journalistischen Inhalten Geld zu verdienen sei. Und die traurige Wahrheit ist: Es wird niemand damit Geld verdienen, so lange sich nichts ändert! Ich fordere (ohne Hoffnung, damit irgendein geneigtes Publikum zu erreichen), dass sich die Manager und Chefredakteure und Herausgeber an einen Tisch setzen und zumindest diskutieren, ob ein deutschlandweiter Zusammenschluss in dieser einen Kategorie sinnvoll wäre.

Ja, es wird immer alternative Medien geben und Blogs und werweißnochalles, die diese Vereinbarung untergraben würden, aber die gehen entweder bald unter, werden aufgegeben, oder erkennen den einleuchtenden Vorteil. Niemand könnte sich davor versperren oder den Vorteil negieren. Noch vor 25 Jahren hat doch auch kein ‚Spiegel‘ oder ‚Stern‘ und auch keine ‚Bild‘ ihre Informationen einfach so hergegeben. Jedenfalls kann ich mich nicht entsinnen, dass ich mit meinem heimlich gemopsten Ball damals an einem Kiosk vorbeigegangen wäre, der seine Zeitungen und Zeitschriften kostenlos herausgegeben hätte! Das wäre ja auch — absurd!

Aus demselben Grund funktioniert Blendle auch nicht (so, wie es sollte). Als ich mich im letzten Jahr bei Blendle angemeldet habe, kaufte ich einen Artikel für 20 oder 30 Cents und sah denselben Artikel nach dem Lesen kostenlos im Internet. Und was geschah logischerweise? Ich fühlte mich verarscht. (Ein anderes Problem von Blendle ist, dass die einzelnen Artikel einfach viel zu teuer sind. Wenn ich eine Ausgabe von XY für zwei oder drei Euro bekomme, von der ich zehn Artikel lese, sehe ich nicht ein, dass ich bis zu einem Euro für einen einzigen Artikel zahlen soll.)

Flattr war auch so ein tolles System, das wirklich perfekt funktioniert hätte, wenn es nicht überall kostenlose journalistische Inhalte gäbe. Liest man nur 20 Artikel im Monat, was auf viele Leser zutreffen dürfte, verteilen sich die fünf Euro Mindestbetrag auf wenige Cents. Das ist der korrekte Betrag für Artikel gängiger Länge.

Die Musikindustrie war da cleverer: Bei iTunes zahlt man pro Song gewöhnlich einen Euro. Ein Album hat gewöhnlich zwischen zwölf und 18 Stücken, sodass am Ende etwa der Betrag rauskommt, den ein komplettes Album ergibt. Kauft man das Album direkt, kostet es vielleicht nur zwölf Euro. Warum funktioniert das nicht bei Zeitungen, die aus 50 oder 70 Artikeln bestehen?

Ich verstehe die Medien nicht. Oder die Medienkonzerne. Die edlen Renditen stehen doch im Vordergrund und auch für die Redaktionen sind Gewinne entscheidend. Wir leben ja nicht von Liebe und Luft (allein) und die Miete lässt sich auch nicht mit Kieselsteinen bezahlen.

Zugegeben, eine rechtliche Frage wäre, wer zu dieser Konferenz eingeladen wird, so wie dasselbe Problem schon beim von mir vorgeschlagenen Gütesiegel für Journalisten bestand. Aber dieses Konzept verstößt weder gegen die Presse- noch gegen die Meinungsfreiheit und es wird auch kein halbwegs betriebswirtschaftlich bewanderter Betreiber einer Nachrichtenseite sagen: Ich bekomme lieber nichts als ein paar Cents!

Das Problem ist seit 20 Jahren offensichtlich, zumindest seit zehn. Warum passiert nichts? Ich stelle diese Frage nicht nur als Journalist, sondern auch als Leser, der 100 Klicks pro Tag im Internet macht und dabei praktisch nie auf die Aufforderung stößt, für die Erkenntnis zu zahlen. Bei der ‚taz‘ kann ich einfach behaupte, ich würde schon zahlen, und niemand fragt nach. Dabei komme ich mir vor wie ein Neunjähriger, der schnell zur Mutter schaut, ob sie grade guckt – und dann dreist genug ist, einfach zu nehmen, was einem gefällt.

Grotesk, oder?

 

 

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Die Stimmung kippt

Vielleicht wird man später sagen, dass sich mit den Ereignissen am Kölner Hauptbahnhof alles geändert hat. Aber ich glaube, das ist nicht wahr. Immerhin ist die Silvesternacht schon neun Wochen her – und trotzdem wandelt sich erst seit einer oder zwei Wochen die Berichterstattung zur Flüchtlingskrise. Jetzt hat ‚Die Zeit‘ einen Beitrag von Thomas E. Schmidt gebracht, der kritisch die ganze Debatte, und auch die eigene Berichterstattung betrachtet. Dort heißt es unter anderem:

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten und, mit Ausnahme der FAZ und einiger Welt -Artikel, auch große Teile der Qualitätspresse verschafften der Regierungspolitik Performanz – anfangs auch die ZEIT, trotz ihrer traditionsreichen Lust am Pro und Kontra.

Ja, das ist lobenswert. Und führt zumindest die von mir sehr geschätzte ‚Zeit‘ zurück zu dem Meinungspluralismus, den eine Demokratie verdient und braucht. Merkwürdig ist dabei, dass diese Abkehr vom monothematischen Überwältigungsjournalismus, wie die NZZ die deutsche Berichterstattung schon vor einem halben Jahr tadelte, so spät kommt. Es gab zwar auch bei uns schon im Herbst letzten Jahres einzelne Beiträge, die mehr oder weniger kritisch an die Flüchtlingsdebatte herangingen, aber – rein subjektiv – scheint der allgemeine Tenor erst seit kurzem zu kippen.

Man könnte jetzt fragen, woran das liegt. Vielleicht an den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, wo die AfD inzwischen stärker als die SPD ist. Und bevor jemand schreit, dass die neuen Bundesländer ja ohnehin nur Nazi-Pack beherbergen: Nein. Die AfD wird wohl auch in die Landtage von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz einziehen. Derzeit steht die SPD in Baden-Württemberg bei 13 % und die AfD bei 11 %. In Rheinland-Pfalz ist die AfD ebenfalls drittstärkste Partei. Quelle ist jeweils die letzte Sonntagsumfrage („Wenn heute Wahl wäre….“). Möglicherweise erkennen die großen Medienhäuser, dass diese Leute, die da montags auf ‚Abendspaziergänge‘ gehen, eben doch nicht nur besorgte Minderheiten sind, sondern ein relevanter Teil der Meinungspalette in Deutschland. Dauerhaft tausende Menschen als Nazis abzustempeln, ist einfach nicht richtig, zumal eine Umfrage der TU Dresden schon vor über einem Jahr belegt hatte, dass Pegida-Demonstranten gar nicht aus rassistischen Gründen dort marschieren, sondern ihre Teilnahme als Protest gegen die herrschende Politik, die Medien, und ein wahrgenommenes Sprechverbot verstanden wissen wollen. Zugegeben, da klingeln die Nazi-Alarmglocken. Aber ist das wirklich gerechtfertigt? Von ähnlichen Empfindungen hat schließlich selbst der Bundesinnenminister gesprochen – und das erst vor zwei Monaten. Den Innenminister als Nazi zu bezeichnen, erfüllt vermutlich sogar irgendeinen Straftatbestand.

Dass die Flüchtlingsdebatte kaputt ist, hatte ich schon im August erklärt. Allerdings ging es mir damals darum, dass beide Seiten Fehler begehen, die eine sinnvolle Diskussion unmöglich machen. Von diesem Standpunkt würde ich auch jetzt nicht abrücken, aber es scheint, dass langsam, ganz langsam, so etwas wie Normalität in unsere Diskussionskultur zurückkehrt. Das bedeutet: In einer Demokratie gibt es eben verschiedene Meinungen! Das ist richtig und wichtig und darf nicht unterbunden werden, indem bspw. der SWR die AfD einfach mundtot machen will. Was für eine Gesellschaft sind wir, wenn die Meinungen einer (in drei Bundesländern drittstärksten) Partei einfach für ungültig erklärt wird? Gesund ist das nicht.

Natürlich kann man nicht jeder albernen Minderheit eine Plattform bieten – deshalb sind wir, die Journalisten, ja auch Gatekeeper. Wir wählen aus, was wichtig ist. Und das ist wichtig für jeden Leser, Hörer, und Zuschauer. Allein die dpa spuckt täglich mehr als 200 Meldungen aus. Rechnet man noch jede Pressemitteilung mit ein, ist man schnell bei ein paar tausend Nachrichten pro Tag. Die Auswahl zu treffen ist elementarer Bestandteil unserer Arbeit. Daran stören sich viele Medienskeptiker. Warum wird nicht mehr über die Ukraine berichtet? Über Griechenland? Ebola? Und sind die Piraten vor der ostafrikanischen Küste, die vor ein paar Jahren ein massives Problem zu sein schienen, immer noch da? Natürlich sind sie das. Und Ebola ist auch nicht ausgerottet. Das Publikum weiß das. Aber wer nach Mängeln in der Berichterstattung sucht, findet sie. Immer. Der kritische Leser wird immer einen Aspekt finden, der seiner Ansicht nach noch mit in die Berichterstattung gehört hätte. Ein Kontext, der gefehlt hat, eine Gegendarstellung, die ausführlicher gewesen wäre. Aber da sind wir wieder an dem Punkt: Man muss auch Meinungen auswählen, die es wert sind, dargestellt und gehört zu werden. Das lässt sich blitzschnell zum Vorwurf der Zensur umwandeln. Schneller, als es uns lieb ist. Und dank Facebook und Twitter ist ja auch jeder Kontra-Meinung eine Plattform auf Millionen-Basis geboten. (Was zu einem Exkurs darüber verleitet, dass Medienkompetenz und besonders die Internetkompetenz zu einem Schulfach werden sollte, den ich mir jetzt aber versage, weil er auch schon häufig angeführt wurde, etwa vom Tagesspiegel – und das schon vor fünf Jahren.)

In einem Interview mit der ‚Süddeutschen Zeitung‘ erklärte Carsten Reinemann, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität München, dass die AfD eine Lücke ausfüllt, die die ‚Bild‘ hinterlassen hatte: Als sich das ehemals rechtspopulistische Blatt zum Flüchtlingshelfer hochstilisierte, hinterließ sie viele Leute, die ihre eigenen rechtspopulistischen Meinungen nicht mehr vertreten sahen. Das erklärt, warum aus anfangs (Januar 2015) nur 17 % Zuneigung zur AfD unter Pegida-Teilnehmern jetzt (November 2015) 77 % geworden sind. Reinemann erklärt aber auch etwas anderes, das sehr beruhigend für unsere Zunft ist: Es gibt keinen „messbaren Trend nach unten“, was die Glaubwürdigkeit der Medien angeht. Die ‚Lügenpresse‘-Schreier sind einfach nur lauter, gebündelter, und erscheinen deswegen wie eine relevante Masse. Aber es ist nichts passiert.

Dem steht entgegen, dass Umfragen für ‚Die Zeit‘, den ‚Stern‘ und viele andere zu dem Schluss kommen, dass etwa 60-70 % uns, den Journalisten, misstrauen. Die Frage, die sich an dieser Stelle stellt: Kann das sein? Oder ist das dieselbe Hyperventilation wie bei den Rechtspopulisten und dem syrischen Exodus? Es wird sich zeigen.

Was ist nun also mit dem kritischen Beitrag der ‚Zeit‘ und dem empfundenen Wandel in der Berichterstattung? Dass er wichtig und wertvoll ist, hatte ich schon gesagt. Sind wir mutig und betrachten die Kommentare auf Facebook unter diesem von Zeit Online geteilten Beitrag: Da sind wenige, die der Lügenpresse Janusköpfigkeit vorwerfen. Und da sind auch wenige, die unterstellen, die ‚Zeit‘ würde Nazis zu Wort kommen lassen. So weit ich gesehen habe, gar keiner (Stand: 05. März 2016). Bedeutet das, dass auch die Leser sich dieser Mäßigung anpassen? Oder ist gar einfach ‚die Luft raus‘ aus diesem ewigen Kampf der beiden Fronten, die nicht die einzigen sind und sein dürfen? Die Nachrichten werden jedenfalls nicht mehr dominiert von den ‚Abendspaziergängen‘, nicht einmal von der Flüchtlingsfrage. Es sieht mehr danach aus, als würden sich die Traditionsmedien nach dem großen Sturm die Wunden lecken und Schadensbegrenzung hinterherschieben. Das ist vielversprechend. Und es bleibt die leise Hoffnung, dass daraus etwas gelernt wurde.

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Familienangelegenheiten

Weihnachten ist eine furchtbare Zeit für junge (freie) Journalisten. In erster Linie deshalb, weil man dann den Erzeugern begegnet. Und die stellen dann unweigerlich die Frage aller Fragen: „Und wie geht es so…jobtechnisch?“

Was soll man auf diese Frage schon antworten?

Möglichkeiten wären:

  1. Gut, Mutter. Ich habe ein paar Auftraggeber, für die ich regelmäßig schreibe.

Zu erwartende Antwort darauf: „Aha.“

  1. Oh, ich habe viele neue Auftraggeber, bei denen die Aussicht besteht, dass sie mich regelmäßig engagieren.

Zu erwartende Antwort darauf: „Aha.“

  1. Es geht so. Aber nächsten Monat habe ich einen neuen Auftraggeber in Aussicht.

Zu erwartende Antwort darauf: „Aha.“

  1. Man schlägt sich so durch.

Zu erwartende Antwort darauf: „Aha. Brauchst Du Geld?“

Über das Gefühl, im Journalismus eigentlich nie anzukommen, hatte ich hier schon berichtet. Aber an Weihnachten ist es immer so, als wäre man noch in der Schülerzeitung und nichts würde auf die Möglichkeit hinweisen, dass man eines Tages von diesem Beruf leben kann. Man wird zurückversetzt in die Zeit, als man noch Taschengeld bekam und sich rechtfertigen musste, woher denn die Tüte Gummibärchen käme.

Ich habe kein Auto, keine Freundin, keine laufenden Kredite. (Außer dem Bafög, das ich demnächst zurückzahlen werde müssen und dem KfW-Studienkredit, der sich zum Glück mit kleinen Raten begnügt.) Also nichts, was groß Geld kostet. Trotzdem begegnen einem nur dezent verholen vorwurfsvolle Blicke an diesen festlichen Feiertagen.

„Dein Opa sagt auch: Das, was Du machst, ist nichts Richtiges. Du hast doch nichts in der Hand!“

Etwas in der Hand zu haben bedeutet etwas schriftliches von einer hohen Stelle. Der IHK etwa. Den Meisterbrief. Ich klage dann pflichtbewusst (oder reumütig), dass Journalist zu sein auch keine Prüfung beinhaltet, weil Paragraf 5 des Grundgesetzes–

„Aha.“

So laufen Diskussionen ab, und man kann sie nicht gewinnen.Nie.

Deshalb hasse ich Weihnachten. (Das ist nicht wahr, ich hasse Weihnachten wegen der Heuchelei, aber es ist besser für die Argumentation.) Und weil man dann Gestalten begegnet, die mit 30 schon erheblich weiter sind…jobtechnisch. Sie haben 12 Jahre Offizierslaufbahn hinter sich, sind in irgendeinem Werbeunternehmen schon zweimal befördert worden, oder promovierte Geologen. „Ja, das stimmt schon.“ Aber wer von denen macht seinen Job aus Leidenschaft?

Ja, ich musste kürzlich zwei Bücher aus der Ausbildungszeit (die ich damals privat angeschafft hatte) aus Geldmangel verkaufen, um einen Ultraschall-Mäuseschreck zu kaufen, weil in dieser schäbigen Bude die Viecher in den Wänden scharren und kratzen und wahrscheinlich nisten. Vermutlich wirkt er gar nicht. Aber man klammert sich ja an Strohhalme. In jeder Hinsicht.

Der Vater ist da weniger erbarmungslos. Er erkennt wenigstens an, dass ich Journalist bin. Das trifft nicht auf viele Leute zu. „Und was machst Du jetzt?“ höre ich häufiger auch von Freunden. Die wahrheitsgemäße Antwort habe ich aufgegeben. Sie antworten zu oft wie meine Mutter. Kürzlich habe ich mich dabei ertappt, wie mir ein „Ich arbeite aushilfsweise als Kellner“ über die Lippen kam. Ich wollte das eigentlich gar nicht sagen. Die Worte rannen mir über die Lippen wie Brackwasser aus einem Kanalisationsgitter tröpfelt. Und dann fühlte ich mich schlecht. Weil ich gelogen hatte. Ich bin Journalist. Ein Verfechter der Wahrheit! Ich darf nicht lügen. Korrigiert habe ich mich trotzdem nicht.

„Opa googelt Dich manchmal“, sagt Mutter.

Alarmglocken schrillen. Ich habe weit über 800 journalistische Beiträge für das Online-Magazin verasst, bei dem ich damals, 2012, mein Volontariat gemacht habe. Auf jeden einzelnen bin ich stolz. (Außer auf die, die in den drei Wochen entstanden sind, als die Redaktionsanweisung lautete, jeder von uns müsse täglich zehn Berichte abliefern. Inklusive Fotostrecke.) Aber Start-Ups schaffen es nicht auf die erste Seite von Google. Dort findet man nur mein Torial-Profil, Xing, und, was ich toll finde, einen Beitrag dieses Blogs. Fatalerweise einen, bei dem ich mich für eine Ansicht aussprach, die der Presserat später als falsch ansah. Nicht, dass das Mutter oder Opa wüssten. Aber ich weiß es.

Mutter ist jetzt auch bei Facebook. Nicht, dass ich vorher Beiträge geteilt hätte, die sich mit Journalismus befassen. Oder Medienkritik. Oder sonstwas, das in diese Richtung geht. Meine Facebook-Freunde liken keine Beiträge, in denen es um Medienjournalismus geht. Aber zu viele regen sich gern darüber auf, wie unglaubwürdig „die Medien“ doch sind. Dass ich selbst ein ehrenwerter, nicht für eine vermeintliche Lügenpresse schreibender, mit der Wahrheit vermählter Journalist bin, wissen die meisten wahrscheinlich gar nicht. (Oder doch?)

„Sag Opa, mein Auftraggeber kann es sich nicht leisten, mich fest anzustellen. Ich bin viel zu teuer für die.“

Das entspricht womöglich der Wahrheit. Sich selbst bauchzupinseln fühlt sich jedenfalls gut an, für einen Augenblick. Dann denke ich wieder, dass man als Journalist keine Halbwahrheiten verbreiten sollte. Ich bräuchte eine zweite Quelle für dieses Statement. Oder zumindest eine. Die objektiv ist.

Weihnachten geht vorbei, so wie Nagelpilz vorbeigeht, den man sich im Schwimbad geholt hat. Aber die Wunden bleiben. An Ostern bin ich wieder da. Es grenzt an Masochismus.

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Neue Idee zur Imageaufbesserung des Journalismus

„Lügenpresse“, schreien Leute, die sich als „das Volk“ verstehen. Und auch wenn das kaum jemand zugeben wird: Ein bisschen haben sie schon recht: Einfach vorbehaltlos an die uneingeschränkte Pressefreiheit zu glauben, wäre 2016 ja auch ein wenig blauäugig. Wer hat nicht schon erlebt, dass ein Ressortleiter, Chefredakteur, oder ein noch höheres Tier einen Beitrag ablehnt, ändert oder aus dem Blatt schmeißt, weil irgendetwas daran jemandem nicht in den Kram passte. Das sind zwar, so weit ich höre, ziemlich seltene Ausnahmen, sofern wir davon überhaupt Wind bekommen, aber so gänzlich unmanipuliert sind wir eben doch nicht.

Nun die Frage, wie das Image des Journalismus verbessert werden könnte. (Abgesehen vom Offensichtlichen, wie etwa einem Verbot für Journalisten, bestimmten Vereinen und Interessensgruppen beizutreten oder der Rauswurf sämtlicher Politiker und sonstiger parteiischer Kräfte aus Institutionen wie bspw. dem ZDF-Fernsehrat.)

Zugegebenermaßen ist besagte Idee nicht auf meinen eigenen Mist gewachsen – ich habe sie geklaut. Aus Frankreich. Genauer gesagt aus einem Interview mit Allyson Jouin-Claude, das Stephanie Hauer kürzlich für „ResponceSource“ geführt hatte. Darin wird erwähnt, dass in Frankreich seit neuestem Talkshows aus dem Boden schießen, in denen Starmoderatoren mit Journalistengruppen debattieren. Das Konzept ist also nicht, wie bei uns, dass jemand, der eigentlich gar nicht moderieren kann, Leute, die eigentlich auch kaum Ahnung vom Thema haben, miteinander schwadronieren lässt. Sondern da sitzen statt emotional aufgeladenen „Betroffenen“ und phrasendreschenden Politikern ausschließlich Journalisten. Das ist ein geniales Konzept – wegen zwei Aspekten.

  1. Die Journalisten haben tatsächlich Ahnung von dem, was sie sagen, und können dabei unparteiisch sein. Beim Literarischen Quartett saßen ja auch keine Verleger und Buchhändler dazwischen! Im Moment sitzen in der gängigen Talkshow in Deutschland ein Moderator und fünf Gäste (was zu viele sind). Von diesen Gästen ergreift der Dominante irgendwann das Wort und reißt die Show an sich, der Betroffene hat ohnehin nur seine Geschichte zu erzählen und starrt danach stumpf vor sich hin, ein oder zwei Politiker lassen ihre Floskeln ab und debattieren in einem Mini-Wahlkampf, was besser werden müsse, und dann ist gewöhnlich noch jemand da, der irgendwo zwischen Betroffen und Dominant anzusiedeln ist, gewöhnlich jemand, der so etwas wie ein Prominenter auf dem Themengebiet ist. Derjenige ist gewöhnlich ein Fachmann, den man gelegentlich im Fernsehen sieht und der ein authentischerer Stichwortgeber ist, als die Politiker. Weil aber niemand über den Tellerrand hinaussehen will oder kann, kommt die Debatte nicht voran und am Ende ist man als Zuschauer kein Stück schlauer als vorher. Das wäre mit Journalisten anders, denn unser Job ist es ja grade, über den Tellerrand hinaus zu schauen und Fakten unvoreingenommen in Kontexte zu setzen. Deshalb würden auch drei Gäste ausreichen, statt der regelmäßig die Moderatoren überfordernden fünf. Man hätte eine zielführende, pragmatische, sachliche Debatte mit Experten, die wirklich was dazu sagen können, ohne auf Parteiansichten Rücksicht nehmen zu müssen.
  2. Der interessierte Zuschauer würde sich mit der Zeit ein Bild machen können, welcher Journalist (nicht welche Zeitung!) welche Auffassungen vertritt. Ich finde, das ist ein ganz wesentlicher Punkt, der bei uns in Deutschland völlig übergangen wird: Die Auffassungen von Journalisten zu durchschauen und dem Publikum greifbar zu machen, ist doch relevant für das Verständnis der Beiträge. Aber es braucht Motivation und Nerven und Zeit und Geld, sich die Journalisten herauszusuchen, denen man vertraut. Besonders jetzt, da bei Blendle und Co. Artikel einzeln verkauft werden und freie Externe Beiträge an mehrere Blätter verkaufen, wird es ja für den Leser viel schwieriger, sich auf eine Zeitung zu verlassen, deren Einstellung er zu kennen glaubt. Und das ist schon schwierig, wenn man gezielt darauf achtet, welchen Journalisten man grade liest – einfach zufällig erschließt sich das keinem Leser. Wer einen Film von Steven Spielberg sieht, weiß, was ihn erwartet. Aber fragen Sie mal einen Leser, selbst jemanden, der häufig Zeitung oder Zeitschriften liest, wie der Verfasser des eben gelesenen Artikels heißt. Dabei weiß man auch recht schnell, was einen erwartet, wenn man ein paar Reportagen von Henning Sußebach gelesen hat, oder von Nathaly Bleuel. Und wenn der Leser dann weiß, wer eine fundierte Meinung zum Thema XY hat, oder vielleicht auch nur, wessen Stil er mag, ist es doch auch viel einfacher, Vertrauen in „die Presse“ zu gewinnen. Dann kann man auch nicht mehr „Lügenpresse“ schreien, denn man hat sich seine Autoren ja selbst ausgesucht, oder kennt sie zumindest meistens. Dann muss man sich an die eigene Nase fassen, warum man einen angeblichen Lügner auserkoren hat.

Ein weiterer positiver Effekt einer solchen Sendung wäre, dass die debattierenden Journalisten Post bekämen, ihnen Leser auf Twitter folgen würden, Facebook-Anfragen kommen würden, etc.. Journalisten, besonders die älteren Generationen, gelten noch immer als Neulandmuffel. Durch diese Sendung aber wären sie mehr gezwungen, sich mit den Zuschauern, ergo Lesern, zu befassen. Wie für den Leser aus dem grauen, anonymen Text plötzlich die Autoren ersichtlich werden, sind für die Journalisten dann ihre anonymen Leser ersichtlich. So kann der Dialog entstehen, für den Kommentarspalten ursprünglich gedacht waren.

Natürlich gibt es auch Nachteile dieses Konzepts und auch Allyson Jouin-Claude weist im Interview auf einige hin. So ginge es laut ihr weniger um die Journalisten, als viel mehr um den Moderator. Aber das ließe sich ändern, wenn man einen Moderator nimmt, der bereit ist, in den Hintergrund zu treten. So einen zu finden, sollte Deutschland nicht schwer fallen – die öffentlich-rechtlichen Abendprogramme (und auch die privaten) sind voll von ihnen.

Ein anderer Nachteil wäre die Frage, nach welchen Kriterien man die Gäste aussucht. Und von welchen Zeitungen man überhaupt jemanden einlädt. Aber diese Frage würde sich nur dann stellen, wenn dem Zuschauer ein Journalist in Verbindung mit einer Zeitung präsentiert werden würde: Max Mustermann vom „Focus“ wird ja anders wahrgenommen, als John Doe vom „Spiegel“. Deswegen könnte man wie beim Literarischen Quartett nur einige Eckpunkte nennen, die den betreffenden Gast auszeichnen und mehrere Stationen seines Arbeitslebens nennen, sodass Max Mustermann nicht als „der Typ vom Focus“, sondern eben als Journalist und Experte (und Mensch) wahrgenommen wird.

Ein solches Showformat hätte enormes Potenzial, auch wenn es sicherlich kein Quotenknüller wäre. Zumal kein Fernsehsender den Mut hätte, diese intellektuelle Sendung auf einen vernünftigen Sendeplatz zu legen. Aber für Lesende, Schreibende, Interessierte, und auch die vielen „Besorgten“ wäre es eine gewinnbringende und sinnstiftende Sache.

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Neue Helden

Vorbilder sind wichtig. In den frühen Tagen sind diese Vorbilder gewöhnlich unmittelbare Verwandte. Mit dem Eintritt in die Pubertät schlägt diese Verehrung gewöhnlich in Abscheu um und man sucht sich neue Helden, die zumindest meine Generation fast ausschließlich aus dem Fernsehen bezogen hat: Rebellen, Unangepasste, Misfits. Sie rauchen und trinken viel, sind manchmal politisch aktiv, tun Dinge, die bei der Abnabelung vom Elternhaus und dessen heuchlerisch erscheinenden Werten helfen sollen. So funktioniert Jugend. Danach aber folgt ein weiterer Umbruch: Die wirklichen neuen Helden, die man sich nach der Pubertät sucht, sind diejenigen, die bleiben.

Die Vorteile eines geisteswissenschaftlichen Studiums liegen darin, dass man permanent mit den cleveren Gedanken anderer konfrontiert wird – und sich dadurch immer wieder mit sich selbst auseinandersetzen muss und die Definition der eigenen Identität heranreift. Wer man ist, erfährt man nicht, in dem man sich selbst betrachtet, sondern indem man sich in Beziehung zu anderen setzt. Das geschah bei mir relativ spät, weil ich erst mit 23 anfing zu studieren (was nicht bedeuten soll, dass man seine neuen Helden nicht finden könnte, wenn man statt zu studieren eine Ausbildung macht).

Der erste meiner neuen Helden war Hesse. Es wäre gelogen, dass ich mich von Kindesbeinen an für Literatur begeistern konnte. Selbst in der Oberstufe fragte ich mich, was es für einen Unterschied mache, ob Effi Briest nun einen klaren Sommertag vor ihrem traurigen Fenster hatte, oder ob es regnete. Die Literatur, die sich auf dem Lehrplan der Schulen befindet, ist jene, die Menschen die Freude am Lesen verhageln kann. Hesse war anders. Hesse hatte etwas mit mir zu tun, ich erkannte mich in Peter Camenzind wieder, in Hans Giebenrath, im Steppenwolf. Hesse wollte „Dichter werden, oder gar nichts“. Diese Leidenschaft für die Sache findet sich in seinen Werken wieder, in denen die freigeistigen Helden permanent mit den festgefahrenen Wertestrukturen der elterlichen Welt kollidieren. Das gefiel mir. Ich erkannte, dass Literatur nicht nur ein Konstrukt im luftleeren Raum beschreiben konnte, wie „Don Karlos“ oder „Iphigenie auf Tauris“, bei denen ich als Schüler keinerlei Verbindung zu mir herstellen konnte.

Der zweite meiner neuen Helden war Truman Capote. Ich halte „Kaltblütig“ bis heute für das vielleicht beste Prosawerk, das jemals geschrieben wurde. Aber „Kaltblütig“ ist eben nicht nur ein Roman, sondern ein so genannter Tatsachenroman. Die Grenze zwischen Reportage und Roman verwischt. Den Entschluss Journalist zu werden hatte gefasst, so glaube ich mich jedenfalls zu erinnern, nachdem ich Capotes Beschreibungen von Kansas, den Mördern und dem kleinen Städtchen gelesen hatte, das so plötzlich zum Schauplatz eines fürchterlichen Verbrechens geworden war. Was mir bei Hesse fehlte, die Aktualität, die unmittelbare Konfrontation, fand ich bei Capote. Und natürlich gefiel mir, dass Literatur und Journalismus keine fixen Kategorien mehr waren, sondern dass man auch beides sein konnte – ein Autor und ein Journalist, sogar im selben Werk. Denn letztlich war es das, was ich immer sein wollte und wie ich mich auch heute definiere: Ich bin kein Journalist, Ausbildung hin oder her; ich wäre auch kein Schriftsteller, selbst wenn ich meine Ergüsse auch woanders veröffentlicht hätte als in diversen Schülerzeitungen und im Internet. Ich bin ein Geschichtenerzähler. Ob die Geschichten fiktiv sind, oder reale Ereignisse wiedergeben, ist völlig nebensächlich (obwohl es natürlich bei den meisten Arbeiten als Journalist erforderlich ist, diese Grenze strikt zu beachten). Der Effekt und auch das Motiv der Leser ist jeweils dasselbe: Leser wollen unterhalten werden und diese Unterhaltung entsteht durch die Illusion, authentische Emotionen zu empfinden. Menschen wollen Teil dramatischer Geschichten sein, sie wollen Zeuge sein, wie andere Leute Dinge durchleben, die sie selbst nicht erleben wollen oder können. Deshalb lesen Leute Reisereportagen, Krimis und Tragödien, deshalb gehen sie ins Kino, deshalb gibt es eine cineastische Unterhaltungsindustrie mit ihren Castingshows, Actionfilmen und Promi-Big-Brother-Sendungen. Jegliche Unterhaltung basiert auf Empathiefähigkeit und Capote machte mich zu einem Einwohner von Holcomb, dem Schauplatz seines Tatsachenromans, dessen Bewohner fürchteten, dass die schlimmen Dinge, die Dämonen aus der fernen, weiten Welt, die grundlos ihre Nachbarn dahingerafft hatten, wiederkommen und sie heimsuchen könnten.

Mein dritter neuer Held war Hunter S. Thompson. Ich war ihm jahrelang immer mal wieder über den Weg gelaufen. Und obwohl das erste, was mir an ihm gefiel, seine exzessive Art zu leben und, wichtiger, zu schreiben war, kam ich nach und nach dahinter, dass „Fear And Loathing in Las Vegas“ mehr war, als ein Trip durch die Wüste. Dass Thompson den amerikanischen Traum sucht und trotz aller bewusstseinsverändernden Mühen nicht findet, ist von heutiger Warte aus sehr offensichtlich, aber mit 16 oder 17 war mir das alles keineswegs bewusst. Erst mit „The Rum Diary“, das ich viel später gelesen habe, und „Königreich der Angst“, das ich irgendwann zufällig gekauft hatte, dessen intensiver Zauber mir aber nicht gleich aufgefallen war, erschloss sich mir die ganze Welt eines Journalismus, der womöglich gar keiner war.

Was Capote in mir begonnen hatte, vollendete Thompson: Die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur verwischten nicht nur, sondern wurden brachial demontiert. Thompson nannte seine Art der Berichterstattung „Gonzojournalismus“. (In Deutschland kam wegen eines Hochstaplers der Begriff „Borderline-Journalismus“ auf, aber wer will sich schon einer Gattung zurechnen, die auf einem Schwindel basiert?) Der Schreibende tritt in den Vordergrund der Berichterstattung und verschwindet gleichzeitig dahinter. Thompson verurteilte die Besucher eines Derbys, den damaligen Präsidenten Nixon, das Scheitern der Hippiebewegung. Und dabei suchte er permanent nach etwas, ebenso wie Capote und Hesse.

Die Gonzo-Faust, Sinnbild des Gonzojournalismus.

Die Gonzo-Faust, Sinnbild des Gonzojournalismus.

Thompson sprach mich an, weil er den nie endenden Kampf nicht scheute, den amerikanischen Traum wiederzufinden (den er ja eigentlich lebte) und Vergangenes wieder zu beleben. Auch Capote tat das: Das Alabama seiner Kindheit ist das Shangri-La, das er in all seinen Geschichten als Vergleichsgröße anzuführen scheint. Und auch Hesse suchte immerzu nach einer Möglichkeit, ein Gleichgewicht zu finden, sich selbst, einen Weg, sich in der Welt zu behaupten, egal wie wenig man hineinzupassen scheint. Sie alle sind getrieben von einer alles verschlingenden, schmerzlichen Sehnsucht nach einem Zustand der einmal gewesen ist und wieder sein sollte.

Nun suchen die wenigsten Journalisten nach irgendetwas. Die meisten, geist- und seelenlos, rezitieren irgendwelche Pressemitteilungen oder berichten über Statistiken und Umfragen. Aber das ist nicht das, was ich unter Journalismus verstehe, jedenfalls nicht nur. Der Leser als Teil des Wirtschaftssystems braucht selbstverständlich jene Wirtschaft- und Politiknachrichten, aber sie berühren ihn nicht, weil sie keine Emotionen wecken. Hier stellt sich dann die grundlegende Frage nach dem Wert von tagesaktueller Berichterstattung einerseits und Unterhaltung bzw. Popjournalismus (ein grauenhafter, aber hierzulande gängiger Begriff) andererseits, denn mir ist natürlich klar, dass Hesse, Capote und auch Thompson alle Entertainer waren. Sie unterhalten Menschen – sie sind Geschichtenerzähler. Aber grade in unserer heutigen Zeit, in der Computer und Algorithmen in der Lage sind, aus einer Excel-Tabelle einen Textbeitrag zu erstellen und sich die Leser fragen, warum sie für etwas bezahlen sollten, das sie auch überall anders kostenlos im Netz lesen können, sind eben diese tiefer gehenden Formen von Berichterstattung relevant; mehr noch: Reportagen, Features und Essays sind die einzige Form von Journalismus, die noch wichtig ist, weil ein Algorithmus nicht in der Lage ist, einen Text zu verfassen, der Emotionen weckt. In diesem Sinne ist Unterhaltung die Zukunft unserer Zunft. Die neuen Helden dieser Branche werden die sein, die in der Lage sind, so gut zu schreiben, dass der Leser sich darin zumindest zum Teil wiederfindet. Es sind die Geschichtenerzähler, die überleben werden.

Dummerweise sind grade die es, die bei Rationalisierungsmaßnahmen zuerst gehen müssen. Diese Form von Journalismus ist teuer – welche Zeitung leistet sich heute schon noch Reisereporter, oder schickt einen Mitarbeiter zu einem Derby? Auch die Verlage müssen umdenken, in gewisser Weise in die Pubertät kommen, und erkennen, dass auch sie neue Helden brauchen.

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Von Gutmenschen und Nazis – Wie die Flüchtlingsdebatte eskaliert

Die Flüchtlingsdebatte ist kaputt. Nicht erst seit heute.

Am 30. August erklärte Innenminister Thomas de Maizière, dass der momentane Flüchtlingsstrom nach Deutschland dauerhaft nicht tragbar für das Land sei. In diesem Jahr werde man die Ankommenden unter großer Kraftaufwendung auffangen können, aber zu einem permanenten Zustand solle der Flüchtlingsstrom nicht werden.

Daraufhin wurde der Innenminister als Brandstifter bezeichnet, dem man öffentliche Auftritte verbieten sollte. Einige Kommentare unter einem Artikel dazu, der von „Zeit Online“ auf Facebook veröffentlicht wurde:

„Entfernt diesen Zündler von allen Mikrofonen! Solche Äußerungen machen das „Pack“ hoffähig!!!!!“

Das klingt ziemlich hysterisch, sogar fanatisch. Fanatische Verallgemeinerungen kennen wir in Deutschland, allerdings vom anderen Ende des Spektrums. Einen gewählten Volksvertreter ohne jegliche Hinweise als Brandstifter zu bezeichnen, erfüllt vermutlich sogar den einen oder anderen Straftatbestand.

Und dann war da noch jene andere Seite:

„d a n k e Hr. de Maiziere, dass mal jemand das Kind beim Namen nennt! Wir können nicht die halbe Welt bei uns aufnehmen!“

Davon hatte nie irgendjemand gesprochen. Was sollte die halbe Welt auch in Deutschland wollen? Woanders sind auch Leute zu Hause. Und den meisten gefällt es da, deshalb sind sie ja grade nicht hier – sondern dort. Das ist also ein denkbar dummes Argument.

Etwas fällt bei der Debatte auf: Nicht nur dass beide Seiten, Asylbefürworter wie auch Asylgegner, sich zu aggressiven Anschuldigungen hinreißen lassen und entweder alle Flüchtlinge oder alle „besorgten Bürger“ in einem Topf werfen; viel mehr sind die Argumente beider Seiten eine Folge von Angst. Es wird eine vermeintliche Bedrohung unserer Art zu leben ausgemacht: Flüchtlinge nehmen uns Arbeitsplätze und Sozialhilfe weg, behaupten die einen. Rassisten bedrohen unsere Demokratie und dürfen weder Zulauf noch Zuspruch bekommen, skandieren die anderen. Ausländer raus! hier, Nazis raus! da.

„Wer schreit, hat keine Argumente mehr“, sagt ein Sprichwort.

Eine diffuse Angst vor der Wiederholung der jüngeren Geschichte verhindert, dass kritische Stimmen zum Thema ‚unkontrollierte Migration’ überhaupt als legitim betrachten werden, siehe Thomas de Maizière. Wer sich auch nur entfernt in der Hinsicht äußert, dass große Flüchtlingsströme auf Dauer administrativ oder finanziell nachteilig sein könnten, wird unmittelbar als „Nazi“ beschimpf – obwohl es offensichtlich ist, dass eine solche Situation nicht zum Normalzustand werden sollte. (Schon allein aus Sicht der Flüchtlinge, die zu hunderten in Turnhallen und Baumärkten schlafen müssen.)

Wer auf der anderen Seite korrekterweise erklärt, dass es die moralische Pflicht ist, Menschen in Not zu helfen, wird definitiv auf Leute treffen, die ihn zum Gutmenschen erklären und ihn/sie fragen, warum man nicht im heimischen Wohnzimmer eine syrische Familie aufnähme. Man könne ja auch seinen Fernseher verkaufen und mit dem Erlös eine Friedensorganisation unterstützen.

Beide Argumente sind völliger Blödsinn. Flüchtlingen helfen zu wollen, bedeutet nicht, bei sich zu Hause jemanden aufnehmen zu müssen oder einen privaten Ausverkauf zu starten. Jeder kann Nachhilfe in Deutsch geben, mit Flüchtlingen Amtsgänge erledigen, Kleidung oder Bedarfsgüter sammeln, oder einfach nur da sein und den Flüchtlingen beistehen. Schließlich ist ein großer Teil der Flüchtlinge gebildet und spricht besseres Englisch als mancher Politiker. (Kurioserweise macht der allergrößte Teil der „Gutmenschen“ keinen Finger krumm, um Flüchtlingen aktiv zu helfen, abgesehen davon, sie in sozialen Netzwerken willkommen zu heißen und die Offenheit ihrer jeweiligen Stadt zu feiern.)

Die „Nazis“ wiederum, die besonders lautstark in Sachsen protestieren, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist und viele Millionen Menschen auf Hilfe vom Staat angewiesen sind, befürchten, dass für sie künftig kein Geld mehr da wäre. Das ist natürlich ebenfalls Blödsinn. Nur weil in den jeweiligen Kommunen ein paar Hundert Flüchtlinge in alten Konzerthallen schlafen müssen, bricht das System nicht zusammen (und wenn die vielen gebildeten Flüchtlinge vernünftig integriert werden könnten, würde das der deutschen Wirtschaft sogar helfen). Es wäre ja auch ein sehr fragiles System, wenn jemand, der aus einem Entwicklungsland am anderen Ende des Mittelmeers zu uns kommt, es gefährden könnte.

„Aber wenn alle kommen, bleibt doch keine Rente mehr!“, grölen sie in die Kameras der vermeintlichen Lügenpresse. (Langzeit-Hartz-IV-Empfänger haben ohnehin keinen allzu großen Rentenanspruch.) Aber selbstverständlich ist der drohende Kollaps der Rentensysteme nicht die Schuld einer syrischen Familie, die auf einem Fischkutter übers Mittelmeer geschippert ist, sondern Problem und Aufgabe von Politikern! Die Familien bei den Muslimen ohnehin deutlich größer sind als in Deutschland, könnten sogar explizit sie das Rentensystem retten.

Ich schlage vor, dass wir aktiv versuchen, zurück zu einem gesunden Mittelmaß der Debatte zu finden. Dass wir mit Fakten und Sachlichkeit argumentieren, statt mit Angst und irrationalen Emotionen. Auch damit wird natürlich keine Einigung erzielt werden können, aber darum geht es ja auch gar nicht; Ich möchte lediglich die Debattenkultur im Land der Dichter und Denker wieder zu etwas ausformen, das man als zivilisierte Debatte bezeichnen könnte. Da weder „Nazis“ noch „Gutmenschen“ gewöhnlich konkrete Maßnahmen vorschlagen, wie man ein Problem lösen könnte, gehe ich mit gutem Beispiel voran und plädiere für folgenden Maßnahmenkatalog, der auf künftige Flüchtlingsdiskussion angewendet werden sollte:

  1. Verbot der Reductio ad Hitlerum

Die Reductio ad Hitlerum ist ein blödsinniges Argument der „Gutmenschen“. Sie behaupten, eine Ansicht wäre schlecht, weil Hitler sie geteilt hätte. Etwa: „Migranten als Fremde und potenzielle Gefahr anzusehen, ist schlecht, weil auch Hitler Ausländer als Gefahr gesehen hat.“ Diese Logik ist aber falsch. Die historische Einordnung oder der persönliche Charakter eines Menschen, macht eine von ihm getroffene Aussage nicht besser oder schlechter, nicht mehr oder weniger wahr. Hitler mochte auch Hunde. Ist Tierliebe deshalb verdammenswert? Natürlich nicht. Aus eben diesem Grund sollte die Reductio ad Hitlerum unterlassen werden.

  1. Verbot der Übertreibung

Die „Nazis“ behaupten gern, man könne nicht ‚jeden’ aufnehmen. Respektive „die halbe Welt“, wie oben genanntes Beispiel zeigte. Das ist eine klassische Übertreibung: Niemand hat jemals davon gesprochen ‚jeden’ aufzunehmen. Welche vermutete Menge soll das überhaupt sein? Jeden Flüchtling? Nein, die meisten Flüchtlinge landen schließlich auch nicht in Deutschland, sondern in den umliegenden Ländern des Ursprungslandes, also Libyen, Ägypten, etc. Flüchtlinge haben ja nicht darauf gewartet, dass sie ihr Land verlassen können, um unter Todesgefahr endlich nach NRW und Nienburg an der Weser zu kommen. Nein, liebe „Nazis“, die Flüchtlinge haben eine Heimat und sie wären auch gerne dort geblieben, mit ihren Familien, die jetzt tot oder über den ganzen Kontinent verstreut oder gar beides sind. Hier in Deutschland kommt nur ein Bruchteil der eigentlichen Flüchtlinge an und in der Tat haben sie keinen Spaß daran, in Turnhallen zu übernachten, wo Kinder schreien, es kaum Duschen gibt und die Hälfte der Leute noch krank von der strapaziösen Reise ist. „Gutmenschen“ wiederum behaupten gern, dass alle „Nazis“ Schweine sind und Sachsens Image leidet, weil in Heidenau die braune Flut marodiere. Nein. Nein, ganz sicher nicht. Zunächst einmal sind alle „Nazis“ auch Menschen. So wie die Flüchtlinge. Und die meisten, die ihr als „Nazis“ beschimpft, sind in der Tat gar keine. Dazu haben sie auch Jobs, Familien, Sorgen, etc. Die „Nazis“ stehen ja nicht morgens auf und denken sich: Heute Abend protestiere ich mal wieder kräftig für etwas völlig Blödsinniges!“, sondern sie sind genau derselben Überzeugung wie die „Gutmenschen“ – das richtige zu tun. Und was Sachsens Image betrifft: In diesem Freistaat wohnen über vier Millionen Menschen, von denen sich der mit Abstand größte Teil nicht mit „Nazis“ vergleichen lassen möchte. Ein paar Hundert Demonstranten in Heidenau sind auf vier Millionen gerechnet definitiv kein Imageproblem. Übrigens ist Nordrhein-Westfalen auch gut dabei, was Demonstrationen gegen Flüchtlinge angeht. Und in Nürnberg haben Ende 2014 in einer einzigen Nacht drei Flüchtlingsheime gebrannt. Zum Verbot der Übertreibung gehört auch, jemanden der für Flüchtlinge argumentiert, nicht sofort als „linken Gutmensch“ einzuordnen und jemand, der sich kritisch über den Flüchtlingsstrom äußert nicht als „Nazi“ oder „Hitlerfreund“ zu bezeichnen. (siehe Maßnahme 1)

  1. Gebot der nützlichen Rede

Wer nichts Produktives zu sagen hat, sollte den Mund halten. „Gutmenschen“ behaupten, alle „Nazis“ sind dumm. Das ist nicht wahr, Sachsen führt regelmäßig den Bildungsmonitor an – in Sachsen wird mehr gegen Bildungsarmut unternommen als anderswo, das Abitur ist anspruchsvoller, das Schulsystem besser. „Nazis“ behaupten andererseits, „Gutmenschen“ würden ihren utopischen Traum einer perfekten Welt verwirklichen wollen und das auf Kosten der sozial Schwachen im eigenen Land. Auch das ist nicht wahr. Kein Flüchtling hat jemals einem „Nazi“ die Butter vom Brot geklaut, geschweige denn Job, Rente oder sonst etwas. Und selbst wenn dem so wäre, würde das doch viel mehr über den Bestohlenen sagen, als über den Dieb. Der muss dann nämlich ein Vollidiot gewesen sein.

Das Gebot der nützlichen Rede soll dazu animieren, über sich selbst und die eigenen Ansichten zu reflektieren, bevor man Blödsinn erzählt. Wird Deutschland wirklich von mittellosen Flüchtlingen bedroht? Ist es wirklich sinnvoll, nicht zu kontrollieren, ob Migranten, die des Landes verwiesen wurden, wirklich ausreisen? Und ganz besonders wichtig: Die Worte „alle“, „immer“, „jeder“, „ständig“, „nie“ und „überall“ sollten nicht verwendet werden, jedenfalls nicht ohne Relativierung – sie stimmen so gut wie [das ist die Relativierung] nie!

  1. Gebot der reduzierten Demonstration

Auf Demonstrationen wird geschrien. Man hält Plakate hoch, auf denen Schlagworte stehen. So etwas, das ist logisch, kann keine komplexe Debatte widerspiegeln, geschweige denn fördern. Ihr seid gegen Ausländer und Flüchtlinge? Dann wählt eine entsprechende Partei. Auch auf EU-Ebene kann da viel bewegt werden. Übrigens kann auch jeder eine Petition einreichen, die mit genügend Unterschriften bei der Regierung eingereicht wird (und mit der sie sich dann befassen muss) – dafür muss man nicht mal das Haus verlassen. Ihr seid stattdessen dafür, dass jeder kommen darf, der möchte. Auch gut – wählt die entsprechenden Parteien, schreibt Beiträge, dreht YouTube-Vidoes, die viral werden, tragt konstruktiv zur Debatte bei. Natürlich kann man Demonstrationen oder die Versammlungsfreiheit nicht verbieten, wie sich erst kürzlich in Heidenau gezeigt hat, aber wenn sie zu oft wiederholt werden, verlieren Demonstrationen schnell an Zugkraft. Und dann versanden sie und es sieht so aus, als hätte man keine Anhänger mehr gefunden. Seltenere Demonstrationen sind aussagekräftigere Demonstrationen. Ganz zu schweigen von etwas ganz anderem: Flüchtlingen in Massenunterkünften, die mit dem Notdürftigstem über Wochen unterwegs waren, um ihr Leben fürchten mussten und alle jemanden kennen, der jetzt tot ist, ist es scheißegal, ob ihr wollt, dass sie hier sind, oder nicht. Sie sind glücklich, dass hier nichts explodiert, niemand auf ihre Nachbarn, Kinder und sie selbst schießt, dass sie noch atmen, und hoffen, dass sie irgendwann wieder ein halbwegs geregeltes Leben führen können. Eure Ansichten dazu gehen den Flüchtlingen am Arsch vorbei. Wer den IS überlebt hat, lässt sich von Demonstranten nicht beeindrucken.

  1. Ihr seid nicht das Volk.

Keiner von Euch. „Nazis“ verkünden es gern. Dass den wenigen Dutzend angeblichen Volksvertretern regelmäßig tausende „Gutmenschen“ gegenüberstehen, scheinen sie zu übersehen. Damit wäre also das Argument vom Tisch, sie würden eine allgemeingültige Meinung vertreten. Aber die „Nazis“ sind noch aus einem anderen Grund nicht das Volk: Diejenigen, die damals erklärten, sie seien das Volk, skandierten auch: „Keine Gewalt“. Da es aber seit 2014 häufig zu Handgreiflichkeiten gegen Journalisten und zu Angriffen auf Flüchtlingsheime gekommen ist, darf diese Parole nicht verwendet werden. Ganz abgesehen davon: Sucht Euch doch eine eigene Parole! Wie unkreativ kann man sein?

Aber auch die „Gutmenschen“ sind nicht das Volk. (Gut, sie haben das, so weit ich weiß, auch nie behauptet.) Beide Parteien vertreten in diesem eskalierten Streit ohne Mittelweg lediglich Meinungen. Und eben das ist der Knackpunkt: Beide Seiten müssen respektieren, dass es eine andere Meinung zum Thema gibt, andere Argumente, andere Ansichten, andere Motivationen. Würde sich der „Nazi“ nicht ernsthaft bedroht fühlen, wäre er doch nicht auf der Straße! Der protestiert doch nicht aus Langeweile. So irrational die Angst auch erscheinen mag – sie ist real! Und auch die „Gutmenschen“ glauben an das, was sie da tun.

Wenn ihr der anderen Seite zuhört, werdet ihr merken, dass die keine Idioten sind, sondern gewisse Argumente haben, die man entkräften kann. Es lässt sich belegen, dass Flüchtlinge niemandem unmittelbar Geld wegnehmen. Es lässt sich belegen, dass Inklusion nur bedingt funktioniert. Und dass die Presse lügt, hat so richtig auch noch niemand über den Grad einer Verschwörungstheorie hinaus bekommen. Und wo wir grade bei Parolen sind: Der Hashtag #mundaufmachen, den die „Gutmenschen“ fleißig benutzen, ist exakt das gleiche Argument wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, das den „Nazis“ permanent angekreidet wird. Das ist kein cleverer Hashtag!

Dieser Maßnahmenkatalog ist nicht lang, keineswegs vollständig, völlig unwissenschaftlich und ohnehin nur ein Vorschlag an den sich vermutlich keiner halten wird. Jedenfalls niemand, der demonstriert. Macht ja auch Spaß, so ein Wahn. Ein erklärter Feind ist da, dem man alles in die Schuhe schieben kann, was falsch läuft in der Gesellschaft – Asylanten oder Rechtsextreme, eigentlich egal. Unzufrieden wird man ja wohl noch sein dürfen.

Bei dem anfangs erwähnten geteilten Beitrag auf Facebook gab es übrigens auch einen gemäßigten Kommentar, der letztlich diesen Beitrag motivierte:

„Warum reagieren hier viele so radikal. Wenn wir Menschen vernünftig empfangen wollen müssen wir uns doch den Überlegungen stellen – wie viele Menschen können wir aufnehmen? Die Aussagen haben doch nichts mit Nazitum zutun! Es ist wirklich traurig, dass man immer nur die Schubladen – All Welcome oder Rassist/Nazi gesteckt wird.“

Wir halten abschließend fest: Die westliche Welt lieferte Waffen in die Kriegsgebiete des Nahen Ostens und ermöglichte so den Aufstieg des IS. Der IS ist der Grund, weshalb die Syrer und viele andere Menschen derzeit überhaupt fliehen müssen. Schuld ist also eine unzureichende Politik. Dass unser Sozialsystem löchrig ist, steht außer Frage. Wer einen Vollzeitjob hat, sollte mehr davon haben, als ein Arbeitsloser. Und die Renten sind ganz bestimmt auch nicht sicher. Hier ist also wieder die Politik gefragt, die Strukturen verändern und Reformen vollbringen muss, damit wir in 20 Jahren nicht plötzlich feststellen, dass es noch immer keine Anreize gibt, Kinder zu bekommen und kein Mensch 2075 noch in die Rentenkasse einzahlen wird. Allgemein wären Anreize für Familienplanung gut. Und die Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe sollte auch endlich mal verabschiedet werden – wir sind hier schließlich nicht beim IS. Das ist ja das Gute daran. So oder so – die Politik ist gefragt! Wer demonstrieren will, soll es nicht vor Flüchtlingsheimen tun, sondern in Berlin.

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Dürfen Medien den vollen Namen des Copiloten von Flug 4U9525 nennen? – Eine Argumentation.

Dass 150 Menschen bei einem Flugzeugabsturz umkommen, gehört eigentlich nicht zu den Themen, die in der Tageszeitung mehr als 15 Zentimeter, bzw. in den Nachrichtenprogrammen mehr als drei Minuten bekommen; so etwas passiert relativ häufig, aber eben gewöhnlich woanders – und verkommt dann zur Randnotiz neben national relevanteren Themen. Der am Dienstag abgestürzte Germanwings-Flug 4U9525 von Barcelona nach Düsseldorf ist eigentlich nur deshalb anders, weil viele Deutsche dabei umgekommen sind – und weil der mutmaßliche Verursacher des Absturzes ein Deutscher war. Bei solchen Unglücken gibt es jedes Mal öffentliche Beileidsbekundungen, Staatsbesuche werden abgebrochen, Flaggen auf Halbmast gehängt. Und jedes Mal gibt es die schon tausendmal geführte Debatte, ob die Medien den vollen Namen der (mutmaßlichen) Täter nennen dürfen. Und deren Fotos ohne Pixel oder Balken veröffentlichen dürfen. Und ob man, auch das ist angeblich geschehen, deren volle Adresse nennen darf.

Die Antwort ist durchaus nicht immer dieselbe – es gibt eine ganze Reihe von Situationen, bzw. Taten, bei denen die Medien sehr wohl den vollen Namen eines Verdächtigen nennen dürfen. In den allermeisten Fällen jedoch, ist die Antwort eindeutig „nein“.

Darf der volle Name genannt und ein nicht unkenntlich gemachtes Bild veröffentlicht werden?

Gewöhnlich dürfen Medien den vollen Namen von Personen nicht nennen, auch wenn sie Täter oder Verdächtige sind. Der Pressekodex ist sehr eindeutig, was Berichterstattung (in Wort und Bild) angeht:

Die Presse veröffentlicht [bei Kriminalberichterstattung]  Namen, Fotos und andere Angaben, durch die Verdächtige oder Täter identifizierbar werden könnten, nur dann, wenn das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit im Einzelfall die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegt.

Nun ist diese Aussage nur dann eindeutig, wenn man weiß, was „berechtigtes Interesse“ ist. Aber natürlich lässt der Presserat diese Formulierung nicht als Auslegungssache stehen, sondern definiert, dass von einem solchen öffentlichen Interesse dann ausgegangen werden kann, wenn:

–    eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat vorliegt,
–     ein Zusammenhang bzw. Widerspruch besteht zwischen Amt, Mandat, gesellschaftlicher Rolle oder Funktion einer Person und der ihr zur Last gelegten Tat,
–    bei einer prominenten Person ein Zusammenhang besteht zwischen ihrer Stellung und der ihr zur Last gelegten Tat bzw. die ihr zur Last gelegte Tat im Widerspruch steht zu dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihr hat,
–    eine schwere Tat in aller Öffentlichkeit geschehen ist,
–    ein Fahndungsersuchen der Ermittlungsbehörden vorliegt.

Sehen wir uns also den momentanen Stand der Dinge an, bezüglich des mutmaßlichen, von der BILD so bezeichneten, „Amokpiloten“ Andreas L. (Ich gehe im Folgenden davon aus, dass er den Piloten absichtlich aus dem Cockpit ausgesperrt und das Flugzeug dann bewusst an einem Berghang hat zerschellen lassen, weil die Argumentation sonst sehr konjunktiv-lastig werden würde.)

Eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat liegt im Falle dieses Fluges sicherlich vor, so argumentiert explizit die Redaktion des Spiegel. Man könnte weiter unterstellen, dass die mutmaßliche Tat von Andreas L. seiner gesellschaftlichen Rolle oder Funktion widerspricht. Und man könnte auch behaupten, dass „eine schwere Tat in der Öffentlichkeit geschehen ist“ – wobei man das auch bestreiten kann (dazu später mehr). Somit sprechen drei von fünf Argumenten dafür, den vollen Namen von Andreas L. zu nennen.

Was nun aber final dagegen spricht, ist eine weitere Passage des Pressekodex:

Liegen konkrete Anhaltspunkte für eine Schuldunfähigkeit des Verdächtigen oder Täters vor, soll auf eine identifizierende Berichterstattung verzichtet werden.

Diese Anhaltspunkte liegen insofern vor, als dass Andreas L., soweit bekannt wurde, an Depressionen gelitten hat, seine Pilotenausbildung wegen psychischer Erkrankungen sogar unterbrechen musste und auch für den Tag des Unglücks krank geschrieben war. Ob dieses Attest wegen eines psychischen Leidens ausgestellt worden ist, ist derzeit noch unklar, aber es besteht zumindest die Möglichkeit. Daher liegen konkrete Anhaltspunkte für eine etwaige Schuldunfähigkeit vor. Und selbst, wenn man das nicht gelten lassen will, verbietet der Pressekodex die Veröffentlichung des Nachnamens noch an anderer Stelle, nämlich dann, wenn es um Selbsttötung geht, was bei Andreas L. offenbar der Fall war:

Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen, die Veröffentlichung von Fotos und die Schilderung näherer Begleitumstände.

Der volle Name des Copiloten hätte also aus presse-ethischer Sicht nicht veröffentlicht werden dürfen. Das gilt übrigens auch für die Erkrankung an sich:

Körperliche und psychische Erkrankungen oder Schäden gehören zur Privatsphäre. In der Regel soll über sie nicht ohne Zustimmung des Betroffenen berichtet werden.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Die Medien hätten weder ein Bild von Andreas L. veröffentlichen, noch seinen vollen Namen nennen dürfen.

Darf der Wohnort genannt werden?

Nein, darf er nicht, erst recht nicht die genaue Adresse. Wieder der Pressekodex:

Der private Wohnsitz sowie andere private Aufenthaltsorte, wie z. B. Krankenhäuser, Pflege- oder Rehabilitationseinrichtungen, genießen besonderen Schutz.

Üblich ist, dass die Stadt genannt wird, in der ein (mutmaßlicher) Täter wohnt oder gewohnt hat. Ich persönlich halte es allerdings schon für grenzwertig, wenn, wie im Falle von Andreas L., die Stadt genannt wird, denn er kam aus Montabaur, einem Dorf mit nicht einmal 13.000 Einwohnern. Dort wird jeder wissen, wer im Ort der Copilot bei Germanwings war, der seitdem verschwunden ist.

Spiegel Online weigerte sich in den Tagen nach dem Unglück als einziger großer Berichterstatter beharrlich, ein Foto von Andreas L. zu zeigen und den vollen Namen zu nennen. Der Fall, so die Redaktion, sei noch nicht abschließend geklärt. Schließlich, am Freitagabend, knickte die Redaktion aber doch ein:

Nachdem wir den Nachnamen des Co-Piloten zunächst abgekürzt haben, schreiben wir ihn nun, ebenso wie der an diesem Freitagabend digital erscheinende SPIEGEL, aus. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Ermittler lassen keine Zweifel zu: Andreas L. [Abkürzung durch den Verfasser] führte diese Katastrophe herbei, aus welchen Gründen er auch immer handelte. Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse „eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat“ vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt, Andreas L. [Abkürzung durch den Verfasser] wird eine Person der deutschen Zeitgeschichte.

Welche wesentlichen, klärenden Erkenntnisse die Redaktion am Freitagabend hatte, die es noch nicht am Freitagmittag gab, erläutert sie nicht.

Sind Vorverurteilungen erlaubt?

In sehr vielen Zeitungen und anderen Medien habe ich das Wort „Täter“ gelesen. Das ist zunächst einmal nicht verwerflich, solange das große Zauberwort der Kriminalberichterstattung davor steht: mutmaßlich. Mutmaßliche Täter können sich durchaus als unschuldig herausstellen. Ist jedoch nur von „Täter“ die Rede und ist er hinterher unschuldig, wird er zu einem „vermeintlichen“ Täter. Da keine Zeitung dieser Welt gerne gesteht, dass sie eine Falschmeldung gebracht hat und das Wort „vermeintlich“ deswegen scheut, wäre ein „mutmaßlich“ unbedingt angebracht, solange nicht zweifelsfrei feststeht, dass Andreas L. der definitive Täter ist. Das zu diesem Zeitpunkt zu behaupten, ist jedoch eine Vorverurteilung, die der Pressekodex verbietet:

Die Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren muss frei von Vorurteilen erfolgen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse.

Und weiter:

Die Presse darf eine Person als Täter bezeichnen, wenn sie ein Geständnis abgelegt hat und zudem Beweise gegen sie vorliegen oder wenn sie die Tat unter den Augen der Öffentlichkeit begangen hat.

Zur Klarstellung: Beweise liegen keineswegs vor, sondern nur Indizien. (Der Unterschied: Indizien kann man auch anders erklären. Etwa die Atemgeräusche im Cockpit, die der Stimmrekorder aufgezeichnet hat – es könnte auch jemand anders sein, der dort atmet. Beweise dagegen legen zweifelsfrei fest, dass ein bestimmter Sachverhalt genau so war.) Alles, was von der Maschine übrig blieb, vor allem die Blackbox und der Rekorder, werden erst noch ausgewertet. „Unter den Augen der Öffentlichkeit“ hat der Absturz nicht unbedingt stattgefunden: Alle Augenzeugen des Unfalls sind tot, Dorfbewohner haben lediglich eine tief fliegende Maschine gesehen; auf diesem Wege kann also nicht zweifelsfrei geklärt werden, ob Andreas L. ein „Täter“ ist.

Und sonst noch?

BILD sah sich nach einem kleineren Shitstorm wegen der Namensnennung genötigt, eine Stellungnahme auf Facebook zu veröffentlichen. Darin argumentiert das Boulevardblatt, dass Journalismus bedeute, Geschichte zu dokumentieren, während sie entsteht. Und weiter:

Geschichte wird von Menschen gemacht. Menschen haben Namen. Namen sind Geschichte.

Dass dadurch die Regeln des Pressekodex außer Kraft gesetzt werden und sich BILD das Recht herausnimmt, einen Namen immer und zu jedem Zeitpunkt zu nennen, ist offensichtlich. Und dreist. Der Branchendienst Meedia hat sogar einen polemischen Beitrag verfasst, in dem es heißt, wer den vollen Namen nicht veröffentlichen wolle, solle seinen Presseausweis abgeben. Der Autor machte sogar deutlich, dass man bei Meedia den Pressekodex ganz genau kennt, ihn aber aus nicht näher genannten Gründen ignoriert:

Der Mann mag krank gewesen sein, er mag vielleicht noch nicht einmal schuldfähig gewesen sein – das macht seine Tat nicht weniger schrecklich.

Zugegeben: Es ist leichter, mit so einer Tragödie fertig zu werden, wenn man einen Schuldigen hat, einen mit einem Nachnamen und einem Gesicht, damit man mit der Verarbeitung irgendwo anfangen kann. Dennoch müssen sich Medien bei ihrer Berichterstattung an den Pressekodex halten, auch wenn er nicht juristisch bindend ist.

Wer diesen ominösen Pressekodex einmal genauer anschauen will, findet ihn hier. Die für diesen Beitrag herangezogenen Zitate stammen aus Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) und Ziffer 13 (Unschuldsvermutung).

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